Toeplitz Kolloquium Wintersemester 2016/17

Kolloquium zur "Didaktik und Geschichte der Mathematik"

Date: December 12, 2016 - February 6, 2017

Venue: Mathematik-Zentrum, Lipschitz Lecture Hall, Endenicher Allee 60, Bonn

Organizer: Stephan Berendonk, Rainer Kaenders und Walter Purkert

Monday, December 12

16:00 - 16:30 Coffee break
16:30 - 18:00 Hans-Jürgen Bandelt (Hamburg): Mathematik und Bildung in der post-wissenschaftlichen Ära

Monday, February 6

16:00 - 16:30 Coffee break
16:30 - 18:00 Klaus Volkert (Wuppertal): Die vierte Dimension und die Grenzen der Anschauung

Abstracts:

Hans-Jürgen Bandelt (Hamburg): Mathematik und Bildung in der postwissenschaftlichen Ära

Seit der Jahrtausendwende hat sich der Umbau der Universität beschleunigt: Die Wahrheit, nach der die Wissenschaft strebt, wird zur ökonomischen Verwertbarkeit umgemünzt – wahr und gut ist das, was im Einklang mit der neoliberalen Agenda ist. Wissenschaftlicher Diskurs wird durch Performativität und Ausgrenzung ersetzt. Wissenschaft geht durch Verschmelzung mit Elementen von Anti-Wissenschaft und verinnerlichten Denkverboten über in eine Postwissenschaft, deren ideologische Speerspitze Gender & Diversity ist. Meta- bzw. Transdisziplinarität steht über den Fächern und verändert letztlich ihr Gefüge durch Integration allgegenwärtiger Genderperspektiven und Einbeziehung gesellschaftlicher Akteure, deren Probleme sie disziplin- und fachunabhängig zu lösen gedenkt. Postwissenschaft geht so eine symbiotische Beziehung mit der neoliberalen Politik ein. Hochschuldidaktik tritt an, die Lehre an der Universität durch Pädagogisierung zu deprofessionalisieren, und die dem jeweiligen Fach fernen Fachdidaktiken reichen schließlich die Pädagogisierung (als Prozeß des Einschwörens auf die Kontrollgesellschaft) in die Schule durch.

Allgemeinbildung wird neu buchstabiert als Kompetenzentraining zur Alltagsbewältigung und zur Humankapitalsteigerung als lebenslanges Projekt des Selbst. Die Umdeutung und Verkürzung früher zentraler Ideen nach Whitehead und fundamentaler Erfahrungen nach Wittenberg gaben Mitte der neunziger Jahre den Anschub für die selbstreferentielle Strukturierung einer didaktisierten Überformung der Schulmathematik. Diese trug schon in ihrem Kern die Entfachlichung und Trivialisierung mit sich, die die Schulmathematik durch die Bildungsstandards (unter vorauseilender Mithilfe ihrer Sekundanten aus den Reihen der Mathematikdidaktik) erlitt. Seitdem verabschiedet sich mählich die Mathematik bis auf Grundoperationen mit Zahlen, ein wenig mathematisches Vokabular und digitale Datenverarbeitung aus einer so pervertierten Allgemeinbildung.

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Chistoph Kirfel (Bergen, Norwegen): Elementargeometrische Ansätze bei der Bestimmung von Flächen unter Kurven

In meinem Vortrag möchte ich einige klassische Ansätze zur Integration vorstellen und deren Potential für eine Weiterentwicklung erforschen. Es stellt sich heraus, dass man mehrere historische Methoden der Integration mit elementargeometrischen Methoden ausbauen kann, so dass sie zumindest die bekannten Schulfunktionen abdecken. Damit möchte ich einen Beitrag zu einem neuen Verständnis der Analysis in der Schule geben und zu einer Diskussion über die existierende Darstellungstradition einladen.

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Klaus Volkert (Wuppertal): Die vierte Dimension und die Grenzen der Anschauung

In meinem Vortrag werde ich den Weg zur vier- und höherdimensionalen Geometrie schildern sowie die Hindernisse, die auf diesem angetroffen wurden. Sodann werde ich auf das erste wichtige Ergebnis der vierdimensionalen Geometrie, die Bestimmung der regulären Polytope (I. W. Stringham, 1880) eingehen und die Bedeutung, welche man materialen Modellen derselben beimaß. Schließlich werfen wir einen Blick auf den Zöllner-Skandal, der der vierten Dimension um 1880 herum im deutschsprachigen Raum eine in der Mathematikgeschichte wohl einmalige Popularität verschaffte.
Lit. K. Volkert: Up, up and away. In: L. Bioesmat-Martagon: Eléments d’une biographie de l’espace géométrique (Nancy: PUN 2016), 143 – 217.

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