Toeplitz Kolloquium Sommersemester 2019

Kolloquium zur "Didaktik und Geschichte der Mathematik"

Datum: 15. April 2019 - 24. Juni 2019

Ort: Mathematikzentrum, Lipschitz-Saal, Endenicher Allee 60, 53115 Bonn

Organisatoren: Rainer Kaenders, Walter Purkert und Marc Sauerwein

Abstracts:

Jan Wörler (Würzburg): Konkrete Kunst im Mathematikunterricht: Ein Übungsfeld für mathematischen Modellieren und Problemlösen

Beim ›klassischen‹ Modellieren geht man von Alltagsproblemen oder Umweltsituationen aus. Sie sind aber häufig so komplex, dass starke Vereinfachungen vorgenommen werden müssen – oder man viel Zeit benötigt. Die Suche nach mathematischen Konstruktionsprinzipien in Kunstwerken ist dem Modellieren sehr ähnlich und authentisch im Alltagsunterricht zu leisten, der üblichen Modellierungsvariante gegenüber aber – das fordert die Kunsttheorie – deutlich einfacher zu bewerkstelligen. Stellt die Modellierung von Kunstwerken damit einen Einstieg in oder ein Übungsfeld für klassisches Modellieren dar? Im Vortrag wird auf die Modellierung von Kunstwerken an verschiedenen Beispielen eingegangen. Dabei wird auch die Rolle des Simulierens im Rahmen der Modellbildung herausgestellt. Es werden Ergebnisse eine Feldstudie zum Modellieren und Simulieren von Kunstwerken vorgestellt, aus denen sich auch der Bezug zum mathematischen Problemlösen ableiten lässt.

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Anselm Lambert (Saarbrücken): "Enaktiv-Ikonisch-Symbolisch" konkret: Was macht Mathematik (aus)?

Bruners Trias der Darstellungsebenen "enaktiv - ikonisch - symbolisch" ist seit den 1960ern wohl bekannt und weit verbreitet. Was sie aber über ein oberflächliches "Basteln - Malen - Rechnen" hinaus speziell für Mathematik als symbolische Sprache bedeutet bleibt meist undiskutiert, und vielfach wird "symbolisch" schlicht fälschlich mit "formal-algebraisch" identifiziert. Im Vortrag (mit Workshopelementen) wird eine präzisierende Begriffsbildung zur Vernetzung von Darstellungsebenen und -formen im Mathematikunterricht theoretisch fundiert und an konkreten Beispielen zur unterrichtspraktischen Ausgestaltung erläutert. Dies geschieht im Kontext einer Diskussion der unterschiedlichen Zugänge zur Mathematik, die wir bei Lernenden finden.

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Maria Remenyi (Wuppertal): Die "unsichtbare" Disziplin - Mathematik in den Medien des frühen 20. Jahrhunderts

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts etablierten sich Natur- und Ingenieurwissenschaften im Zuge ihrer disziplinären Ausdifferenzierung als treibende Kraft zivilisatorischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Begleitet wurde diese Entwicklung von weltanschaulich geprägten öffentlichen Diskursen, als deren Träger eine rasant expandierende und vielfältige Medienlandschaft fungierte. Die Mathematik war zwar als disziplinübergreifende Ressource maßgeblich an den technologischen und kulturellen Entwicklungsprozessen beteiligt, erfuhr aber bis zur Wende zum 20. Jahrhundertwende verhältnismäßig geringe mediale Aufmerksamkeit. Sie segelte gleichsam im „Windschatten der Öffentlichkeit“ (Nipperdey 1996).
Erst der um 1900 einsetzende strukturelle und inhaltliche Wandel wissenschaftsvermittelnder Zeitschriften und Buchreihen ermöglichte es genuin mathematischen Themen, sich in überschaubarem Maße aber dauerhaft zu etablieren.
Der Vortrag diskutiert entlang ausgewählter Beispiele die Repräsentationen der Mathematik in den Druckmedien des frühen 20. Jahrhunderts im Kontext von Inhalten, Autoren und Zielsetzungen und verweist insbesondere auf die personellen und thematischen Verflechtungen mit der Entwicklung der Mathematikdidaktik und der Mathematikgeschichtsschreibung.

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