Toeplitz Kolloquium Wintersemester 2018/2019

Kolloquium zur "Didaktik und Geschichte der Mathematik"

Datum: 19. November 2018 - 07. Januar 2019

Ort: Mathematikzentrum, Lipschitz-Saal, Endenicher Allee 60, 53115 Bonn

Organisatoren: Rainer Kaenders, Walter Purkert und Marc Sauerwein

Montag, 19. November

16:00 - 16:30 Tee und Kaffee
16:30 - 18:00 David E. Rowe (Mainz): Otto Blumenthal und der Kampf um die Mathematischen Annalen

Montag, 03. Dezember

16:00 - 16:30 Tee und Kaffee
16:30 - 18:00 Peter Bender (Paderborn): Mathematik und gesunder Menschenverstand

Abstracts:

David E. Rowe (Mainz): Otto Blumenthal und der Kampf um die Mathematischen Annalen

Blumenthal war von 1906 bis 1938 geschäftsführender Redakteur der Annalen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Zeitschrift von Springer-Verlag übernommen und gleichzeitig ihre Redaktion erweitert. Mitte der 1920er Jahren, als die politische Lage in Europa sich entspannte, spielten politische Fragen eine bedeutende Rolle innerhalb der Redaktion, welche traditionsgemäß nur Fachinteressen vertrat (dies galt auch für die DMV). Die Hauptredaktion – bestehend aus Hilbert, Blumenthal, Carathéodory und Einstein – war durchaus international gesinnt, während die „Nebenredaktion“ wesentlich konservativer war. Vielmehr waren zwei ihrer Mitglieder, Brouwer und Bieberbach, politische Aktivisten, die sich explizit gegen die liberale Linie der Hauptredaktion positionierte. Dieser Kampf fand zunächst hinter den Kulissen statt, wurde aber 1928 in der Öffentlichkeit im Rahmen des Bologna-Kongresses ausgetragen. Er erreicht im Dezember 1928 einen Höhepunkt, als Hilbert im Namen der Hauptredaktion den Versuch unternahm, Brouwer von der Nebenredaktion zu entfernen. Diese deutliche Spaltung innerhalb der Annalen-Redaktion hatte auch Konsequenzen für die DMV, zumal Blumenthal und Bieberbach zum Vorstand angehörten. Bieberbachs spätere Aktivitäten, einschließlich sein gescheiterter Versuch 1934 auf der Jahrestagung der DMV das Führerprinzip einzuführen, lassen sich als die Fortsetzung des früheren Kampfes innerhalb der Annalen-Redaktion einordnen.

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Peter Bender (Paderborn): Mathematik und gesunder Menschenverstand

Die Mathematik, wie sie in der Gesellschaft gebraucht wird und in der Schule gelernt werden sollte, ist durchweg eng mit dem gesunden Menschenverstand verbunden. Mit eingekleideten Aufgaben hat dieser Zusammenhang allerdings wenig zu tun. Im Vortrag wird die Verbindung an Themen aus allen Schulstufen illustriert (Phänomen des Spiegels, Abzählen von Mengen, Unendlichkeit). Darüber hinaus werden Beispiele vorgestellt, wie Menschen mit und ohne gesunden Menschenverstand Mathematik treiben, von Kleinkindern, die mit ihrem gesunden Menschenverstand nicht den Piagetschen Theorien entsprechen, bis hin zu Ökonomie-Professoren, die in offensichtlicher Abwesenheit des gesunden Menschverstands absurde Studien produzieren.

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Alfred Schreiber (Flensburg): "Mal und Plus machen Verdruss" – Zahl und Form in lyrischen Spiegeln

Der Vortrag unternimmt einen kultur- und ideengeschichtlichen Ausflug ins Grenzgebiet von Mathematik und Dichtung. Aber "entfliehen nicht die Grazien, wo Integrale ihre Hälse recken?" fragte im 19. Jahrhundert der Physiker Ludwig Boltzmann. Tatsächlich mehr als man danach vermuten könnte, finden sich Elemente der mathematischen Gegenstands-, Sprach- und Vorstellungswelt in Gedichten verarbeitet. Häufig werden dabei subjektiv-affektive Momente zum Vorschein gebracht, philosophische Facetten der Mathematik freigelegt, ästhetische Aspekte besonderer Gebilde reflektiert, und dgl. mehr. Daneben fällt der Mathematik auch schon einmal die Rolle eines rhetorischen oder gar formgebenden Mittels zu. Dem breiten Spektrum solcher Beziehungen lassen sich interdisziplinäre Kontexte und Anregungen für das Unterrichten abgewinnen - zumindest als eine Erinnerung an die verloren gegangene "hohe Kunst, Bedeutung durch Schönheit auszudrücken" (Paul Valéry).

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